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Mittelalterliches Foltermuseum in Rüdesheim

Das alte Gemäuer und die Kellerräume des Mittelalterlichen Foltermuseums Rüdesheim sind genau der richtige Rahmen für einen Trip in diese traurige und leidvolle Vergangenheit. Nichts für einen lustigen Familiennachmittag, aber auch nicht so niederschmetternd, um den Besucher zu Tode zu deprimieren. In der Rüdesheimer Drosselgasse führen nur wenige Stufen hinab in die mittelalterliche Hölle der Hexenverfolgung: Inquisition, Prozesse, Folter und Aberglaube gehörten in Deutschland bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zum Alltag. 1775 wurde die letzte „Hexe“, Anna Maria Schweglin, zum Tode verurteilt. Den Richterspruch führte jedoch kein Henker aus, die Dienstmagd starb 1781 in Gefangenschaft im Allgäu.

Warum schaut man sich ein Foltermuseum an?

Zugegeben in ein Foltermuseum zu gehen, ist ein bisschen wie ein Ticket für die Geisterbahn zu lösen und gleichzeitig in einem Geschichtsbuch zu lesen: in Erwartung von Grusel und ein paar historischen Fakten. Das hat für mich schon einmal funktioniert: Im sehr gut gemachten Foltermuseum in Wien. Aber richtig übel geworden ist mir im Foltermuseum San Marino – zu detailreiche Info-Tafeln und viele grausame Ausstellungsstücke.

Foltermuseum Rüdesheim: nicht up to date und trotzdem stimmig

Das Design der Internetseite des Foltermuseum Rüdesheim spricht für die Ausstellung: schon etwas in die Jahre gekommen, zusammengewürfelt, nicht allzu umfangreich. Trotzdem passt so ein „dreckig-düsteres“ Ambiente auf 1.000 qm besser zum Thema als ein modernes „Hands-on-“Museum, bis ins kleinste Detail nach den Ergebnissen von Besucherumfragen und Marketing-Aspekten durchgestaltet. Gregorianische Gesänge untermalen den Empfang im großen Gewölbekeller. In diesem Hauptraum befinden sich zahlreiche Foltergerätschaften, Sitz- und Stehpranger, Guillotine und lebensgroße Puppen, die die Qualen der Hexen verdeutlichen sollen (soviel zum Thema Geisterbahn). Stroh und echte Spinnenweben machen den Folterkeller komplett. Wissenswertes steht auf Info-Tafeln und Stellwänden. Dort gibt es Allgemeines zu lesen über Foltermethoden, die Rolle der Kirche dabei, die Bedeutung des Hexenhammers und makabere Details wie eine Henker-Preisliste: eine Vierteilung ist teurer als die Verbrennung einer Hexe. Einige Fakten werden sich in den nächsten Räumen wiederholen wie der Ablauf eines Hexenprozesses bzw. der Verhöre. Deren letzte Stufe war die „peinliche Befragung“, für die Folter als finales Mittel galt, damit der Gefangene endlich gestand. Peinlich kommt in diesem Zusammenhang von der Pein und Peinigung, die unerlässlich sind bei der Folter. Für einen atmosphärischen Gewölbekeller braucht es die richtige Beleuchtung: Die bunten Scheinwerfer stehen nur leider manchmal ganz schön im Weg und kommen dem Historismus-Anspruch der nachgestellten Szenen in die Quere.

Ein Museum für Hexen im Mittelalter

In einem weiteren Raum gibt es neben kleineren Folterinstrumenten und eine Ritterrüstung doch noch ein bisschen modernere Wissensvermittlung: ein recht spannender Film zum Thema Hexenverfolgung in Europa, der mich tatsächlich länger im Museum verweilen ließ, als geplant. Die nachgespielten Szenen gewähren einen direkteren Einblick ins Thema als die Puppenstube zuvor. Wer keine Lust hat, alle Texte zu lesen, kriegt auf diese Weise trotzdem den nötigen historischen Background geliefert. In den Gängen des Mittelalterlichen Foltermuseums gibt es historische Grafiken, Bilder und weitere Infos – darunter den Fakt, dass Luther als großer Kirchenreformator nichts gegen die Folter von Hexen einzuwenden hatte (auch darauf wird gleich an zwei Stellen im Museum verwiesen). Eine Treppe führt danach wieder ans Tageslicht und in einen letzten Raum. Weitere Folterwerkzeuge aber auch eine aktuelle Botschaft warten dort: Die Fotodokumentation von amnesty international über Folter in der heutigen Zeit beendet den Museumsbesuch. No exit through the gift shop.

Horrorshow-Fazit

Wer Geisterbahnen mag, kann hier nichts falsch machen. Wer im Thema drin ist, erfährt nichts Neues. Zartbesaitete müssen keine Angst vor großem Grusel haben. Für einen Eintrittspreis von 6 Euro für Erwachsene (4,50 Euro Ermäßigung) sollten Rhein-Reisende dem Mittelalterlichen Foltermuseum Rüdesheim definitiv eine Chance geben.

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