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Die Geister vom Mummelsee

Geister und der Mummelsee? Das passt auf den ersten Blick nicht so recht zusammen. Verkrustet mit einer dicken Schicht Tourismus ist der Mummelsee vor allem im Sommer kein besonders magischer Ort – oder auf den zweiten Blick vielleicht doch? Der Mummelsee bei Achern ist eines von vielen Zielen an der Schwarzwaldhochstraße – Senioren strömen aus ihren Bussen, Kellnerinnen vom Berghotel Mummelsee servieren non-stop Schwarzwald-Torten, über den See rattern ein paar Tretboote. Früher mögen Einsamkeit und Abgeschiedenheit die Sagen und Legenden beeinflusst haben, die sich um diesen Ort ranken. Heute ist er gut erreichbar über die B 500, die den See zu einem der meistbesuchten im Schwarzwald machen.

Dem Zauber vom Mummelsee erlegen

Mit Schwarzwald-Torte im Magen heißt es, sich schnell auf einen Spaziergang um den See machen – und schnell beginnt die Magie ihre Wirkung zu tun. Groß ist der Mummelsee nicht, deshalb lässt er sich theoretisch schnell umrunden. Es lohnt sich aber, langsam zu machen, denn es gibt einiges zu entdecken. Zwischen den Tannen und Fichten sind die Werke des Kunstpfades verstreut. Hier beginnt die erste Auseinandersetzung mit dem Thema Natur und Kunst. Bei meinem Besuch war ich vorbereitet. Die kindgerechte Lektüre „Die Männlein vom Mummelsee – ein Märchen aus dem Schwarzwald“ von Charlotte Wörner (D. Grundert Verlag) hatten wir im Gepäck. Bei weitem nicht die schauerlichste Geschichte über das Gewässer, trotzdem ein weiterer Weg, um sich der sagenhaften Faszination anzunähern, die der Ort auf Künstler und andere Besucher hatte.

Mummelsee: Ein Ort der Sagen und Legenden

Schon die Druiden haben zur Zeit der Kelten und Alemannen Nymphen und Göttinnen in deutschen Seen Opfer dargebracht. Auch vom Mummelsee gibt es viele Sagen, die von Wasserwesen erzählen. Wassernymphen sollen dort mit ihrem Vater, dem Nixenkönig, leben und als schöne Jungfrauen die nahe gelegenen Siedlungen besucht haben, um den Bauern auszuhelfen. Natürlich gibt es in vielen Geschichten einen unglücklich Verliebten, der eine der Schönheiten für sich beansprucht und den Nixen-Vater erzürnt. Mit fatalem Ende – meistens für alle Beteiligten. Andere Legenden berichten von Geistern, die sich vor dem Zugriff der Menschen im See verstecken oder von den guten Seelen eines Klosters, die den Anwohnern wie Heinzelmännchen zur Hand gehen. Das Kloster am Mummelsee soll allerdings durch Gottes Zorn zerstört worden sein. Eine übersichtliche Zusammenfassung der Mummelsee-Sagen bietet Richard Hünnenkopf im „Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens“ (Bächthold-Stäubli, Berlin 1927-1942). Online könnt ihr diesen und viele weitere Berichte über diese spezielle Sagenwelt bei Heilige-Quellen.de nachlesen.

Und was sind nun Mummeln?

Der Name des Sees verweist auf viele Bedeutungen. Mummeln können Seerosen oder Seelilien sein. „Muhme“ ist ein altes Wort für Tante (das Gegenstück zu Oheim) – als „Seemuhme“ bezeichnete man Wassernixen. „Mümmlein“ gilt ein Schwarzwald-Ausdruck für Wassergeister. Sogar mit einem passenden lateinischen Namen kann der Weiher glänzen: „Lacus Mirabilis“, der Wundersee. Zu seinem mystischen Ruf tragen zusätzlich ein paar Natur-Phänomene bei: Im Wasser gibt es keine Fische und alle Versuche, dort welche zu züchten schlugen fehl. An den Nixen liegt das nicht, sondern am pH-Wert des Wassers, der zu niedrig ist. Der See wird vom Hochmoor des Bergs Hornigsgrinde gespeist und ist daher sauer-torfig. Bisher noch nicht naturwissenschaftlich belegbar ist das überlieferte Rätsel um das zornige Wasser, dass sich nicht vermessen lassen wollte. Nach Röders Lexikon von Schwaben (Ulm 1791) und anderen Quellen kochte der See auf, wenn Steine hineingeworfen oder die Tiefe des Sees untersucht wurde.

Eduard Mörike: Die Geister am Mummelsee

Wenn es um die künstlerischen Werke geht, fasziniert mich das Gedicht des deutschen Lyrikers Eduard Mörike von 1829 am meisten. Mit Fackeln kommen die Geister vom See hinab in das Tal als ein „Totengeleit“. Die Atmosphäre ist dicht und die Epoche der Romantik zeigt ihrer schön-schaurigen Seite. Der Erzähler lässt sich hinüberziehen in die Geisterwelt und scheint darin völlig aufzugehen, was ihm zum Schluss selbst etwas unheimlich wird. Wasser in der Romantik? Am anderen Ende der künstlerischen Ausdruckspalette ist wohl der Mummelsee-Nixen-Zyklus von Tomi Ungerer anzusiedeln.

Horrorshow-Fazit

An einem schönen Sommertag war es zwar nicht gruselig, aber das Besondere dieser Location lässt sich nicht bestreiten. Vielleicht verbringe ich doch noch mal eine Nacht im Berghotel, um mir den Mummelsee in den Morgenstunden bei Ruhe und Nebel anzusehen. Hoffentlich haschen mich die Geister vom Mummelsee dann nicht!

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Und weil es so schön ist, hier das Gedicht von Eduard Mörike in voller Länge:

Die Geister am Mummelsee
Eduard Mörike

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät mit Fackeln so prächtig herunter? Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht? Mir klingen die Lieder so munter. O nein! So sage, was mag es wohl sein? Das, was du da siehest, ist Totengeleit, und was du da hörest, sind Klagen. Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid, sie bringen ihn wieder getragen. O weh! So sind es die Geister vom See! Sie schweben herunter ins Mummelseetal – sie haben den See schon betreten – sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal – sie schwirren in leisen Gebeten – o schau, am Sarge die glänzende Frau! Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor; gib acht, nun tauchen sie nieder! Es schwankt eine lebende Treppe hervor, und – drunten schon summen die Lieder. Hörst du? Sie singen ihn unten zur Ruh‘. Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn! Sie spielen in grünendem Feuer; es geisten die Nebel am Ufer dahin, zum Meere verzieht sich der Weiher – nur still! Ob dort sich nichts rühren will? Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf! Nun kommen sie wieder, sie kommen! Es orgelt im Rohr, und es klirret im Schilf; nur hurtig, die Flucht nur genommen! Davon! Sie wittern, sie haschen mich schon!

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