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Auf DVD: 10 Cloverfield Lane

10 CLOVERFIELD LANE ist eine vielversprechende Variante des Entführt- und Verschleppt-Themas. Der Schuss Science-Fiction macht den Entführer zur Retterfigur und stellt die Hauptfigur vor schwierige Entscheidungen. Mit Spoilern (!) verrate ich euch, ob das Kammerspiel meine Erwartungen erfüllt hat.

10 CLOVERFIELD LANE

Ab 11. August 2016 steht CLOVERFIELD LANE im Handel auf DVD und Blu-ray bereit. Produzent J.J. Abrahams drückt dem Sciences-Fiction-Psycho-Streifen schon im Titel seinen Stempel auf (Cloverfield wird wohl sein Castle Rock). Als eine Art Sequel zu CLOVERFIELD (2008) verzichtet 10 CLOVERFIELD LANE jedoch auf verwackelte Kameras und die Darstellung von ganz großen Weltuntergangsszenarien, denn die Hauptfiguren in ihrem „Kämmerlein“ kriegen davon kaum etwas mit.

Aber von Anfang an: Eine junge, hübsche Frau (Mary Elizabeth) packt hastig und emotional aufgewühlt ihre Sachen, nimmt sogar eine ordentliche Reserve Alkohol mit, aber lässt den Verlobungsring zurück. Später wird sie erzählen, dass sie besonders eins gut kann: abhauen, wenn es Ärger gibt. Was sie ebenfalls sehr gut kann: Mit vollem Körpereinsatz um ihr Leben kämpfen, wenn sie in die Enge getrieben wird.

Diese Frau heißt Michelle und hat sich einen schlechten Tag ausgesucht, um Schluss zu machen. Die Erde wird zuerst von ungewöhnlichen Wetterphänomenen und Stromausfällen heimgesucht und dann von etwas ganz anderem. Auf ihrer Flucht vor dem Ex hat sie einen Unfall. Mit einem Tropf verkabelt und angekettet erwacht sie in einem kargen Raum, in einem Bunker unter der Erde. Um an ihr Handy in der anderen Ecke des Raumes zu kommen, vollführt sie bereits tolle Tricks. Doch da erscheint ihr vermeintlicher Retters Howard (John Goodman), dessen Erklärungsversuche auf Michelle keine beruhigende Wirkung haben. Doch ein erster, aufwändig inszenierter Fluchtversuch scheitert.

In einem zweiten Anlauf erzählt ihr Howard von einem chemischen oder atomaren Angriff. Für den Fallout seien entweder die Russen oder die Marsianer verantwortlich. Verrückter oder Perversling – Michelle muss dem Typen glauben, denn zwei Zeugen bestätigen seine Story: Zum einen ist da Emmett (John Gallagher, Jr.), der Howard geholfen hat, den Bunker zu bauen. Als die Katastrophe über die Welt hereinbrach, hat sich der ungebetene Gast gewaltsam Zutritt verschafft, wovon seine Armschlinge und die Pritsche zwischen den Vorratsregalen zeugen. Die andere Person ist eine verstrahlte Nachbarin, die vor dem Bunker vergeblich um Hilfe fleht. Damit scheint der fantastische Teil des Albtraums bestätigt zu sein – doch da ist noch das Schreckgespenst des paranoiden Entführers.

Warum ich den Anfang so ausführlich beschreibe? Weil er der intensivste und beste Teil des Films ist. Der Rest ist schnell abgespult: Natürlich kommt es zum finalen Kampf gegen den Bösewicht, den nur Michelle überlebt und dann muss sie sich dem stellen, was an der Erdoberfläche auf sie wartet.

Pros und Cons: 10 CLOVERFIELD LANE

Neben dem schön eingerichteten Setting tragen die beiden Hauptdarsteller den Film. Mary Elizabeth steht für weibliche Horror-Bad-Ass-Figuren, die sich ganz bestimmt nicht mehr als Scream Queens verkaufen lassen – auch in 10 CLOVERFIELD LANE finde ich sie sehr überzeugend. Aber über allem thront natürlich das kolossale Plus des Films: John Goodman. Ist Howard der nette Onkel mit einem kleinen Tick oder der böse Onkel, der junge Frauen gefangen hält? Was geht wirklich vor im scheinbar so gemütlichen „Gemeinschaftsraum“ mit den Büchern, Brettspielen und VHS-Kassetten – soll der Bunker eine Arche oder ein Gefängnis sein?

So sehr ich erst einmal gewillt bin, John Goodmans Charaktere zu mögen, so wenig traute ich Howard. Der Film legt es darauf an, die Zweifel minimal zu halten, was unter anderem daran liegt, dass Goodman nicht nur den Mitbewohnern im Bunker unangenehm nah kommt. Die Momente, in denen er (fast) die Beherrschung verliert oder noch schlimmer euphorisch seinen breiten Hintern vor der Jukebox kreisen lässt, treiben die Angst vor dieser tickenden Zeitbombe auch auf Zuschauerseite in die Höhe. Der Film wartet nicht zu lange, um zu offenbaren, dass diese Figur zum Äußersten fähig ist: Entführung, Vergewaltigung und Mord. Kein Wunder, dass Michelle bereit ist, es lieber mit den fiesen Aliens aufzunehmen, als abzuwarten, was er ihr wohl antut.

Endlich mal ein Film, der direkt zur Sache kommt. Die Story geht schnell voran und es bleibt nur wenig Zeit für ein bisschen Emotionalität zwischen Emmett und Michelle. Sogar ein bisschen Alien-Effekte gibt es zum Schluss inklusive Verweis auf Teil 3. In diesem plotgetriebenen Szenario geht die bedrohliche Atmosphäre jedoch unter. Keine Überraschungen, keine erinnerungswürdigen Höhepunkte mehr. Schade!

Ein weiteres Manko des Films ist die Frage: Warum planen Emmett und Michelle nicht die Ermordung ihres Gefängniswärter, als klar wird, dass er bereits ein anderes Mädchen entführt und getötet hat? In der Bedrängnis dieser existenziellen Situation erscheint der Fluchtplan abwegiger als direkter Selbstschutz. Da Michelle nur Verwüstung hinterlässt, muss sie sich den Aliens stellen – aber die sind im Vergleich zur Bestie Mensch im Bunker so langweilig, dass ich nicht weiß, ob ich mir CLOVERFIELD BATTLEFIELD oder wie immer der nächste Teil heißen mag, ansehen möchte.

P.S. Ich komme nicht über das schönste kleine Detail hinweg: Michelles Nagellack. Endlich denken Filmemacher daran, dass so ein Nagellack brüchig wird bei Horrorfilmmäßigen Reibereien!

P.P.S. Dieser Artikel sollte eigentlich eine – zugegeben gewagte – Gegenüberstellung von 10 CLOVERFIELD LANE und RAUM werden. Da mich RAUM allerdings emotional so mitgenommen hat, will ich nicht über ihn schreiben. Deshalb ist das hier ein Horror- und kein Dramenblog.

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