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Kulturgut Meerjungfrauen: „Mermaids“ von Sophia Kingshill

Als Seemanns-Tattoo, Heldin eines Disney-Films oder gefährliche Verlockung auf dem Rhein – die Meerjungfrau ist ein kulturgeschichtliches Phänomen, über das sich dicke Wälzer schreiben lassen. Autorin Sophia Kingshill widerstand der Versuchung und hat dem Wesen aus Frau und Fisch „nur“ eine knackige Monographie gewidmet. „Mermaids“ ist ein kurzes und absolut empfehlenswertes Vergnügen auf knapp 150 Seiten mit vielen bunten Bildchen.

Mermaids“: die Meerjungfrau als Feministin

Sophia Kingshill beginnt ihre Reise durch das Reich der Meerjungfrauen mit einem aktuellen spanischen Graffiti, das den Niedergang des Patriarchats fordert. Mit roter Farbe ist die Nixe an eine Steinwand gesprüht, in ihrer linken Hand hält sie (statt Spiegel und Kamm) ein Herz. Diesen „Urban Warrior“ sieht die Autorin als deutliches Zeichen dafür, dass die Figur der Meerjungfrau heute noch lebendig und wohl auf ist – als eine selbstbewusste und wütende Frau. Dieser modernen Perspektive setzt sie in zwölf Kapiteln historische Varianten der Meerjungfrau entgegen und geht dabei zurück in der Zeit wie bei einem Stammbaum: von der Moderne ins 19. Jahrhundert, in die Renaissance, das Mittelalter bis in die Antike.

Wer hat Angst vor der bösen Meerjungfrau?

Die Meerjungfrau berührt viele Lebensräume und -bereiche. Sie gehört zum Seemannsgarn und der Folklore vieler Völker, wurde durch Dichtung und Kunst verewigt und in der Antike als göttliches Wesen angesehen. Aber die ikonische Heldin ist sie selbst heute nicht für jeden. PIRATES OF THE CARIBBEAN – FREMDE GEZEITEN (2011) zeigt ein ebenso vertrautes Bild der Meerjungfrauen als verführerische, singende Wesen, die sich (bis auf eine) als Männer mordende Monster entpuppen.

Zum Glück kannte Odysseus ein Mittel gegen den Sirenen-Gesang, Seefahrern galten sie als böses Omen. Auch auf das Konto der Loreley am Rhein sollen zahlreiche Männerleben gegangen sein. Sex-Appeal und Lust sind das Mittel, um ihren Appetit mit Menschenfleisch zu stillen: die klassische Definition der Femme Fatale, die sich gern in monströsen Gestalten zeigt (Vampirin, Katzenfrau, so manche Geisterscheinung…). Am anderen Ende der „Mermaid“-Skala steht die Fiji-Meerjungfrau, die zoologische Kuriosität aus Affe und Fisch, die nun wirklich keinen besonders verlockenden Anblick bietet. Sophia Kingshill hat sie alle.

Horrorshow-Fazit

Mermaids (Little Toller Monographs)“ von Sophia Kingshill, Little Toller Books, Dorset 2015, gebunden, neu etwa 24,52 Euro (gebraucht schon für die Hälfte) – ein Buch von dem es viel viel mehr geben sollte (am besten für alle Monster und Fabelwesen).

Die Autorin hat mich mit der Bildauswahl und der geschickten Gliederung des Themas ebenso überzeugt wie durch ihren unterhaltsamen Schreibstil (in sehr gut verständlichem Englisch). Sie bringt Fakten und Faszination zusammen, ohne in Sensationalismus abzugleiten. Das Buch selbst ist wirklich eine Liebhaberausgabe: eine schöne Bindung, wertiges Papier, tolle Abbildungen und ein kompaktes, fast quadratisches Format.

Am meisten beeindruckt mich jedoch Sophia Kingshills Fähigkeit, 3.000 Jahre Meerjungfrauen-Geschichte in dieser Kürze zu vermitteln und dabei so eine Fülle abzudecken. Natürlich hätte ich auch noch 300 Seiten mehr gelesen…

Mehr zum Thema: Meerjungfrauen – ein kleiner, filmischer Exkurs

Wer nach der Monographie Lust auf ein paar bewegte Bilder hat, dem seien diese Meerjungfrauen-Filme empfohlen (momentan sind zwei davon auf YouTube zu bewundern):

  • NIGHT TIDE (1961): Einer meiner absoluten und leider fast vergessenen Lieblinge – Dennis Hopper verliebt sich am Pier von Santa Monica, Kalifornien, in die mysteriöse Mora. Sie arbeitet als Touri-Attraktions-Meerjungfrau – oder ist sie vielleicht eine echte? So oder so, das Märchen wird nicht gut ausgehen…
  • MIRANDA (1948): Eine leichte, britische Komödie über eine Meerjungfrau auf Besuch in London. Dort bringt sie das gutbürgerliche Leben ihrer Gastgeber ordentlich durcheinander – Verführung, Eifersucht und eine Extraportion Nostalgie.
  • Leider nicht auf YouTube: THE SHE CREATURE (1956 – nicht der Film von 2001!): Die Story beinhaltet keine klassische Meerjungfrau, sondern eine junge Frau, die von einem Hypnotiseur zurückgeführt wird in ihr früheres Leben als Urzeit-Monster aus dem Meer. Sie wird zum Instrument für seine grausamen Taten. Hier ist wenigstens der SHE CREATURE-Trailer.

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