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Hinrichtungen in Hessen: Der Galgen von Beerfelden

Wirklich schaurig – auch am Tag: Der Beerfelder Galgen ist ein Zeitzeuge früherer Rechtsprechung und eines der bedrückendsten Ausflugsziele in Hessen. Vom Luftkurort Beerfelden führt die Airlenbacher Strasse direkt zur prominent gelegenen Richtstätte hinauf. Strafe oder Gnade – das Letzte, was die Kriminellen zu sehen bekamen, war in jedem Fall eine herrliche Aussicht. Ein erhabenes Naturpanorama und die Geschichte der Todesstrafe in Deutschland treffen an diesem Ort im Odenwald aufeinander.

Heute könnte fast der Eindruck entstehen, als hätte hier der Tourismus die Oberhand gewonnen: Ein großer Parkplatz, ein herrlicher Blick auf Felder und Wälder, ein Picknick-Plätzchen und viele Wanderwege warten auf die Odenwald-Besucher. Aber die Atmosphäre auf dem Areal des sogenannten „dreischläfrigen Galgens“ verfehlt seine Wirkung trotz Ausflugsstimmung nicht. Da wirkt selbst ein normaler Radfahrer wie ein unheimlicher, lauernder Wolf.

Der dreischläfrige Galgen im Odenwald

Eine Begrenzung aus Steinen umsäumt den Platz. Alte Linden stehen rings um den monumentalen Galgen, der sich etwa fünf Meter in die Höhe erhebt. Drei formschöne Säulen aus Rotsandstein tragen die Holzbalken, an denen die Verurteilten ihren Tod fanden. Diese Balken sind so angeordnet, dass sie ein Dreieck ergeben – angeblich sollten dort gleich mehrere Kriminelle gleichzeitig gehenkt werden. Ein bedrückender Gedanke, wenn man hoch sieht zu den sechs Hacken, die dort baumeln.

Nahe des Galgens informiert eine Guß-Platte den interessierten Besucher über einige Details:

„Der Besterhaltene dreischläfrige Galgen Deutschlands
Um 1550 errichtet, erneuert 1597
Er diente der Gerichtsbarkeit des Zentgerichtes Beerfelden
Das Steinkreuz unter der Linde war Standort der zum Tode Verurteilen beim Empfang der Sterbesakaramente
Letzte Hinrichtung im Jahre 1804
Eine Zigeunerin wegen Diebstahls eines Huhnes und zweier Laib Brot“

Das erwähnte Steinkreuz befindet sich direkt vor dieser Inschrift in den Boden eingelassen. Kaum vorzustellen, wie die Menschen in unmittelbarer Nähe zum Galgen ihre Sünden bereuen mussten, umgeben von Schaulustigen, die auf deren Tod warteten.

Ein Galgen mit Reichweite

Eine weitere Info-Tafel – diesmal eine aktuellere vom Geo-Naturpark – erzählt mehr über die Bedeutung der Richtstätte, die aus gutem Grund schon von Weitem gut sichtbar ist: Die Macht des Gesetzes führt jeden Verbrecher einer gerechten Strafe zu. „Die abschreckende Wirkung wurde noch bestärkt dadurch, dass die Gehenkten bis zu ihrer Verwesung am Galgen hingen. Anschließend verscharrte man die Entehrten oft in der nächsten Umgebung, wie archäologische Untersuchungen ähnlicher Richtstätten zeigen“, so der Text.

Wie viele Menschen starben am Beerfelder Galgen?

1810 vernichtete ein Feuer Beerfelden zu großen Teilen, inklusive der örtlichen Chronik und der Gerichtsakten. Daher lässt sich nicht rekonstruieren, wie viele Hinrichtungen am Galgen statt fanden. Auch für die angeblich letzte hingerichtete Frau 1804 gibt es keine eindeutigen, historischen Belege. Laut der Gemeinde Beerfelden ist in den Kirchenbüchern nur ein Gehengter vermerkt: Adam Beisel, der wegen Ehebruch und Diebstahl sein Leben lassen musste.

Er und die anderen Todeskandidaten sprach man an der eigentlichen Zehntlinde am westlichen Ausgang der Stadt schuldig. Nach der Urteilsverkündung fuhr man den Verurteilten auf einem Schinderkarren zum Galgen auf der Anhöhe. Das ging bis 1806, als Napoleon I. den Gemeinden das Recht enzog, über Leben und Tod zu entscheiden.

Obwohl Kaiser Joseph II. bereits 1788 die Todesstrafe quasi abschaffte und 1816 der Großherzog von Darmstadt den Galgen abbauen lassen wollte, blieben die Beerfelder scheinbar stur. So ist er heute nicht nur der angeblich besterhaltenste Galgen in Deutschland sondern auch ein Mahnmal einer Zeit, in der Menschen sich das Recht herausnahmen, anderen das Leben zu nehmen – wegen Ehebruch, einem Huhn und zwei Broten.

Beerfelder-Galgen-Trivia

Es gibt einige Geschichten rund um den Galgen von Beerfelden. Am liebsten mag ich die von Kaspar Sachs, die der Dichter Adam Karrillon (1853-1938) aus dem Odenwald erzählte. Der Wilddieb entging 1797 der Todesstrafe dank seines übergroßen Kropfes. Er rutschte durch die Schlinge und durfte am Leben bleiben – der Richter entschied, dass ein bereits Gehängter, nicht ein zweites Mal an den Galgen müsse.

Eine andere, eher sagenhafte Richtstätte befindet sich nicht weit weg: Der Lindelbrunnen, an dem Hagen von Tronje den Drachentöter Siegfried umgebracht haben soll. Doch das ist nicht die einzige Quelle in der Region, die sich als Siegfriedbrunnen bezeichnet.

Horrorshow-Fazit

Soweit der intensivste Besuch einer „Grusel-Location“ in Hessen – ein einzigartiger Ort für eine Zeitreise, wenn auch eine eher schmerzhafte.

2 Kommentare

  1. Johannes sagt

    ….umgeben von Schaulustigen, die auf ihren Tod warteten . Wurden auch die Schaulustigen hin gerichtet ?
    Ja, die Tücken der deutschen Sprache verschonen niemanden.

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