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Friedhofs-App „Wo sie ruhen“ im Test auf dem Mainzer Hauptfriedhof

Pokemons jagen? Och, nö! Ich gehe mit der Friedhofs-App „Wo sie ruhen“ lieber auf die Suche nach bedeutenden Grabstätten. Seit Ende 2014 kann sich jeder den kostenlosen audio-virtuellen Rundgang aufs Smartphone oder Tablet laden – oder im Internet unter www.wo-sie-ruhen.de nutzen. So verlief mein App-gesteuerter Streifzug über den Mainzer Hauptfriedhof.

Mainzer Hauptfriedhof: zwischen Kriegsopfern und Fasnachtern

Der Start ist leicht: In der Liste der Friedhöfe die entsprechende Lokalität wählen und sich dann per GPS auf einer Karte die markierten Gräber vornehmen. Zugegeben der Mainzer Hauptfriedhof ist nicht Père Lachaise in Paris, wo sich Promi-Grab an Promi-Grab reiht. Die markierten Orte spiegeln aber eine facettenreiche Stadtgeschichte: zahlreiche Fasnachter, Kriegsdenkmäler, ein Mitbegründer des ZDF, Stadtväter, Dombaumeister und literarische Persönlichkeiten – nur nicht das von Gutenberg, dessen letzte Ruhestätte ist noch nicht gefunden. Besonders benutzerfreundlich an der App: Zu jedem markierten Ort gibt es Fotomaterial, sodass man die Gräber schnell erkennt. Manche sind nämlich gar nicht so leicht zu finden.

Der Friedhofs ist mit 20 Hektar überschaubar und in etwa anderteinhalb Stunden gut zu besichtigen. Die App verspricht eine „parkähnliche Anlage“ und einen „Raum der Stille“. Viel Grün gibt es tatsächlich, aber der Verkehr auf der angrenzenden Saarstraße führt dazu, dass nicht alle Verstorbenen wirklich ihre „letzte Ruhe“ finden.

Ein bisschen seltsam komme ich mir anfangs vor – mit dem gezückten Handy über den Friedhof zu ziehen, wo gerade eine Beerdigung im Gange ist und die Angehörigen sich traurig umarmen. Deshalb nutze ich die Audio-Option nicht und lese mir die Texte zu den Orten lieber durch. Auf dem Handy keine leichte Übung, der lange Fließtext ist nicht untergliedert.

Weitere Nachteile der Friedhofs-App

Man merkt den Texten an, dass sie „vom Schreibtisch aus“ verfasst wurden. Ich hätte mir eher einen sprechenden Erzähler gewünscht, der mit seinen Worten wie ein Guide vor Ort von Grab zu Grab führt und zusätzlich zu den Fakten noch mehr auf die örtlichen Gegebenheiten eingeht. Es fehlen außerdem praktische Hinweise zu Parkmöglichkeiten, Toiletten und auch darüber, wo genau sich die Eingänge befinden. Für Ortsunkundige reicht daher die App allein als Wegweiser nicht aus. Mit der GPS-Übersicht kam ich weniger gut klar. Auf dem zum Download angebotenen Lageplan sind die Gräber um ein Vielfaches besser zu erkennen. Beim nächsten Mal werde ich den wohl ausgedruckt mitnehmen. Mancher Link ist veraltet und die Angaben zum Teil unvollständig. Es wird offensichtlich, dass nach dem Launch der App keine Updates mehr folgten.

Das Ministerium für Kultur und Medien förderte das Projekt „Wo sie ruhen“. Wenn man auf die Friedhofs-Übersicht klickt, kommt der Eindruck auf, die Berliner scheinen sich selbst am nächsten zu sein. Von 37 Friedhöfen in der App befinden sich neun in Berlin. Einige Bundesländer sind nur mit einem oder zwei Friedhöfen vertreten (zum Beispiel Hessen). Auch hier wäre es natürlich schön, wenn noch einmal Geld fließen würde und mehr Friedhöfe dazu kämen. Spannende Geschichten gibt es auf jedem Friedhof, wie die App bereits eindrücklich beweist.

Warum wir eine Friedhofs-App brauchen

Genug gemeckert, schließlich habe ich dank der Friedhofs-App wirklich einen interessanten Nachmittag in Mainz erlebt. Das offizielle Gründungsjahr des Friedhofs gibt die App mit 1803 an, verweist jedoch auch darauf, das bereits seit der Besiedlung durch die Römer im 8. Jahrhundert nach Christus an dieser Stelle Tote begraben werden.
Besonders beeindruckend ist natürlich die Gruftenstraßen mit ihren imposanten Bauten, ein Großteil aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts – sowie das alte Krematorium von 1903 (eines der ersten in ganz Deutschland). Interessanter Fakt am Rande: Da die Denkmalpflege nicht jedes verwaiste Grab in Stand halten kann, dürfen sich „Paten“ finanziell um die Anlagen kümmern und später selbst darin bestatten lassen. Wie wär’s?

Sehr berührt hat mich das Einsturzunglück vom 13.11.1945: In der Nachkriegszeit fiel ein Schulgebäude in sich zusammen, wobei 18 Mädchen, ihre Klassenlehrerin und der Direktor ums Leben kamen. Acht von ihnen liegen auf dem Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab.
Zugegeben: Mit der Zeit habe ich immer weniger auf die App geschaut und meine eigenen Entdeckungen gemacht. ABER: Die Idee hinter der Friedhofs-App und ihre Vorteile finde ich richtig und sehr wichtig. Ein Friedhof ist nicht nur ein Ort für Tote und Trauernde, an dem man sonst nichts verloren hat.

Die Gräber erzählen viel über die Stadt, ihre Bewohner und die Kultur vergangener Generationen. Die App nimmt den Besucher an die Hand, gibt eine Richtung vor und Hintergrundinformationen – dadurch lässt sich bei manchem vielleicht eine erste Hemmschwelle abbauen, sich mit dem Thema Tod und Friedhof zu befassen.

Horrorshow-Fazit

Das war bestimmt nicht das letzte Mal, dass die Friedhofs-App bei mir zum Einsatz kam. Allerdings habe ich wieder gemerkt, dass der Besuch auf dem Friedhof kein lockerer GPS-Spaziergang durch die Geschichte ist. Ich traf auf (grabpflegende) Angehörige, einen Obdachlosen beim Mittagsschlaf, Kindergräber und den Sternengarten für Säuglinge, die noch vor oder kurz nach der Geburt verstorben sind. Die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer hat mich berührt, ich konnte mich nicht immer hinter dem wissenschaftlichen Anspruch der App verschanzen.

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