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Bald auf DVD: THE WITCH – DER Horrorfilm 2016?

THE WITCH: A NEW ENGLAND FOLK TALE gruselt ab dem 29. September 2016 auf DVD und Blu-ray. Seit das Publikum auf dem Sundance Film Festival 2015 über die Maßen begeistert reagierte und den Horrorfilm mit einem Preis für die beste Regie ehrte, geistert THE WITCH durch die Medien. Die meisten Kritiker und viele Horror-Fans schienen ihr sofort verfallen. Was ist wirklich dran am „schrecklichsten Film der letzten Jahre“? Achtung, die Antwort darauf beinhaltet Spoiler!

Im April vor dem offiziellen Deutschlandstart (19. Mai 2016) saß ich bei den Frankfurter Fantasy Filmfest Nights in der dritten Reihe des ausverkauften Saals. Laut Ansage der Veranstalter konnte man zuvor im noch größeren Berliner Kinosaal eine Stecknadel fallen hören – alle waren gebannt von der Wirkung dieser Hexe. Tatsächlich herrschte auch in Frankfurt so eine Stille, dass es mir sogar in den Ohren hallte, als ich während des Films meinen Eistee getrunken habe.

Worum geht es in THE WITCH?

Neu-England um 1630: Eine gottesfürchtige Familie aus England nimmt es ganz allein mit der US-amerikanischen Wildnis auf, da die Obersten ihrer Siedlung den sturen Vater (Ralph Ineson) verbannt haben. Mutter Katherine (Kate Dickie) kümmert sich liebevoll, um Baby Samuel. Daneben gehören zur Familie noch die Älteste Thomasin, Caleb, Mercy und Jonas (Anya Taylor-Joy, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson). Alle müssen auf dem Hof anpacken, um dieses wilde Land zu kultivieren. Doch als Thomasin das Baby quasi unter ihren Augen entrissen wird, bröckelt der familiäre Zusammenhalt. Der Wald steckt voller Gefahren, Hexen und angsteinflößender Hasen – die kleine Hütte, der dreckige Ziegenstall und der einst so feste christliche Glauben sind keine sichere Zuflucht gegen die bösen Mächte.

THE WITCH ist keine Gesellschaftskritik à la Arthur Millers THE CRUIBLE, sondern speist sich aus historischen Dokumenten, um der Lebens- und Glaubenswelt der Siedler so nah wie möglich zu kommen.

Was macht THE WITCH zu einem so besonderen Horrorfilm?

Der Film ist so vollgeladen mit Bedeutung und Themen, dass ich meine größte Freude daran gehabt hätte, im Filmwissenschafts-Studium eine Hausarbeit darüber zu schreiben, zum Beispiel: „Monströse Religiosität im Horrorfilm“, „Die Hexe – die Femme Fatale des Horrorfilms“, „Paranoia im Hexen-Genre“, „Hexen im Wandel der Zeit: Von HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT bis THE WITCH“, „Familien als der Ort des Grauens“… Ich kann nur schwer aufhören.

THE WITCH wird oft für seine Originalität gelobt, doch so ganz losgelöst von der Filmgeschichte ist er nicht. Die ganze Atmosphäre erinnert mich stark an Lars von Triers ANTICHRIST: die Bedrohung durch das Weibliche, die seltsamen Waldbewohner, die Einsamkeit in der Hütte und so weiter. THE WITCH ist ebenfalls unberechenbar, unbequem und sperrig – jedoch deutlich zugänglicher als ANTICHRIST.

Die Darsteller zeigen wie wirkungsvoll Kammerspiele beziehungsweise Kammer-Ensemble-Filme funktionieren. Obwohl sich viel im Freien abspielt, herrscht die Beklemmung der Enge, denn die Familienmitglieder müssen eng zusammenrücken, um zu überleben und sind auf die Funktion jedes einzelnen in der Gruppe angewiesen. Als die ersten ausscheren, wird es problematisch.

Was hat mich an THE WITCH gestört?

Der Film war vorbei, ich schaue meine Fantasy Filmfest-Begleitung an und wir beide zucken mit den Schultern. Es fällt mir immer noch schwer, zu begründen, was mich an THE WITCH stört. So spannend und mutig ich die Thematik und die Umsetzung auf wissenschaftlicher Ebene finde, so enttäuscht war ich vom Gesamterscheinungsbild. Problem 1: Meine Erwartungen an dieses viel gelobte Werk waren viel zu hoch. Was soll man dagegen tun?

THE WITCH: Das Böse im Guten

Problem 2: Dass in dieser Welt der Volkssagen Hexen existieren, die Kinder töten und missbrauchen, macht der Film recht schnell klar. Trotzdem bleibt die gesamte Atmosphäre in einer nervenkitzelnden Spannung, den auch der realistische Anspruch des Settings ist hoch. In dieser Schwebe zwischen Realität und Erzählung schafft es der Film den christlichen Glauben an sich als angsteinflößend zu inszenieren. Die Paranoia, die Angst vor dem Fremden, der Verlust der Heimat und die zunehmende Hoffnungslosigkeit innerhalb der Familie lassen es als absolut legitim erscheinen, eigene Schicksal in der Hand von überirdischen Mächten – gut wie böse – zu wähnen. Aber der Schluss beendet dieses interessante Gedankenspiel abrupt.

Die Verzweiflungs- und Gewaltspirale findet ihren Höhepunkt, als Thomasin (mehr oder weniger in Notwehr) ihre Mutter tötet. Was bleibt ihr noch, als ihr Leben dem Teufel zu verschreiben? Das deutsche Plakat nimmt es aus unerfindlichen Gründen schon vorweg: Thomasin braucht nun keinen weltlichen Schutz mehr, nackt betritt sie den finsteren Wald, nimmt Teil am grotesken Hexenreigen vor dem Lagerfeuer und schwebt in die Luft. Das ist ein konsequentes Ende, auch wenn es für mich sehr dem alten Klischee von der monströsen Weiblichkeit entspricht. Irgendwie ein unbefriedigendes Ende, das der Intensität des Anfangs- und Hauptteils absolut nicht gerecht wird.

Problem 3: Beruht die letzte Szene auf Zeitzeugen-Berichten, handelt es sich eventuell um ein Geständnis einer Hexe – erzwungen durch Folter und vielleicht ihr Todesurteil. Kein schöner Gedanke. Obwohl ich fest gestellt habe, dass das Ansichtssache ist. Im Internet bin ich auf Satanisten gestoßen bin, die THE WITCH instrumentalisieren, um auf die starke Rolle der Frau in ihren Zirkeln zu verweisen. Das hätte Robert Eggers wohl auch nicht gedacht.

Horrorshow-Fazit

THE WITCH ist ein eigensinniger Horrorfilm und eine gelungene Abwechslung zu dem üblichen (Kino-)Schocker-Programm. Er hat sich so eine düstere und originelle Nische gesucht, dass wir wohl von Trittbrett-Fahrern und Fortsetzungen verschont bleiben. Das allein wäre im Horror-Genre eine große Leistung. Thematik und Umsetzung garantieren THE WITCH sicherlich einen festen Platz in der Filmgeschichte – nicht aber in meinem Horror-Fan-Herzen. So gern ich es gehabt hätte.

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