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Grusel an der Nordsee: „Sagenhaftes Ostfriesland“ von Matthias Rickling

Wullwux, Pultermanntjes, Seewiefkes und Walrider? Sowas gibt’s nur im Norden! Natürlich habe ich mir die passende Lektüre mit an die Nordsee genommen: Matthias Ricklings Buch „Sagenhaftes Ostfriesland – Geister, Hexen und Dämonen“. Über 110 stimmungsvolle Sagen eröffnen den etwas anderen Blick auf die Geschichte dieser Region.

Wie die Sage die Menschen erzieht

Woher stammen die Erzählungen von Riesen, Zwerge, Hexen, Klabautermänner und Werwölfe? Wie Matthias Rickling zeigt, sind Sagen zum einen Erklärungen für Naturgewalten – regional bedingt oft Überschwemmungen, aber auch Irrlichter oder Missernten. Andere Geschichten dienen dazu, die Moral des christlichen Glaubens zu vermitteln: Sünder erhalten ihre gerechte Strafe oder Läuterung, während sie gleichzeitig mahnendes Beispiel sind für alle, die die Sage hören. Manche Story mag wohl auch dazu gedient haben, Kindern den Umgang mit der Natur zu vermitteln. Ein bisschen Klatsch und Tratsch, Romantik und Sensationslust darf natürlich ebenso wenig fehlen.

Das bei diesen vielen Zutaten eine bunte Mischung aus Geschichten herauskommt, liegt auf der Hand. Das viele von ihnen schaurig-schön sind, beweist das „Sagenhafte Ostfriesland“.

Ostfriesische Sagen zum Fürchten und Schmunzeln

Der Autor gliedert die Sammlung nach Themen beziehungsweise Grusel-Gestalten. Zu jedem Kapitel gibt es eine kleine thematische Einführung mit einem Schuss Landeskunde. Richtig regional wird es, da Rickling immer wieder Zitate und ganze Geschichten auf Plattdeutsch einstreut – so kommen nicht nur Nordlichter in Stimmung. Allerdings bin ich sehr dankbar für die Übersetzungshilfen gewesen.

Das „Sagenhafte Ostfriesland“ kann mal amüsant und dann wieder ganz schön gruselig sein. Vor allem im Kapitel zu den teuflischen Erzählungen gibt es einiges zum Schmunzeln, wenn schlaue Bauern und gottesfürchtige Priester dem Junker Hinkefuß trotzen. Zum Fürchten sind Geisterhäuser, die man nur rückwärts verlassen sollte, weil man sonst den Ausgang nicht mehr findet. Oder die Geschichte vom Sarg eines Gottlosen, der unmenschlich schwer wurde, wobei die Trauernden eigentlich schon wussten, dass der Tote mit dem Teufel im Bunde war. Romantisch-tragisch sind die Erzählungen der Wiedergänger, deren Liebe noch über den Tod hinaus wirkt.

Horrorshow-Fazit

„Sagenhaftes Ostfriesland – Geister, Hexen und Dämonen“ (Sutton Verlag 2015, Reihe „Sagen & Legenden“, 19,99 Euro) ist eine wirklich vorbildliche Sagen-Sammlung in aktueller Form. Autor Matthias Rickling ist ebenfalls für die stimmungsvollen Fotos zuständig, die das Hardcover zu einer runden Sache machen. Als Historiker, der aus dem Osnabrücker Land stammt, fasst er die Sagen knackig und in kurzweiliger, zeitgemäßer Sprache zusammen (was bei vielen Sagen-Büchern anders ist). Rickling verfasste bereits andere regionalgeschichtliche Bücher und Sagen-Sammlungen für den Sutton Verlag (2x Osnabrücker Land und Nordhessen).

Kleines Manko: Zusätzlich zum Ortsregister wäre eine Karte zur geografischen Orientierung nett gewesen – vor allem, um zu sehen, ob die Orte an der Küste oder im Landesinneren liegen. Wer nun wissen will, was Wullwux, Pultermanntjes und Seewiefkes sind und woher die ostfriesischen Kinder kommen, findet in „Sagenhaftes Ostfriesland“ einen kurzweiligen und abwechslungsreichen Band über einen Teil von Deutschlands düsterer und mystischer Seite. Ich möchte diesen Reisebegleiter nicht missen.

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