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Beste Horrorfilme #1: Tanz der toten Seelen (Carnival of Souls)

Meine Liste der besten Horrorfilme ist natürlich subjektiv. Aber diese persönlichen Horrorfilm-Klassiker dürfen neben den aktuellen Produktionen auf diesem Horrorblog einfach nicht fehlen. TANZ DER TOTEN SEELEN (CARNIVAL OF SOULS) habe ich sicherlich an die dreißig Mal gesehen und ist daher der ideale Film, um die Best-of-Horror-Liste anzuführen. Nach diversen Blutbädern ist es mal wieder Zeit für ein bisschen Schwarz-Weiß-Psycho-Grusel.

TANZ DER TOTEN SEELEN: Worum es geht

Mary Henry (Candace Hilligoss) überlebt als einzige Insassin einen Autounfall: Während ihre Freundinnen nach dem Sturz von einer Brücke in den Fluss ertrinken, schafft sie es durchnässt ans Ufer. Die junge, blonde Organistin hat das Ereignis nur scheinbar unbeschadet überstanden. Sie nimmt einen neuen Job an, zieht um und will selbst zu ihrer Familie keinen Kontakt haben. Auf der Fahrt zu ihrem neuen Wohnort kommt sie an einem verlassenen Pavillon am See vorbei und hat dort zum ersten Mal Visionen von einem totenbleichen Mann (gespielt von Regisseur Herk Harvey), der sie in nächster Zeit mit seiner Gefolgschaft öfter heimsuchen wird.

Lebenskrise, nahender Nervenzusammenbruch oder Flucht vor dem unausweichlichen Ende? Mary ist unfähig zu ihrer Umwelt echte Bindungen aufzunehmen, für ihre Arbeit bringt sie keine christliche (oder emotionale) Inbrunst auf. Trotzdem zieht sie die Männer unentwegt an, die ihr oft unangenehm nah kommen: Der schmierige Nachbar bedrängt sie am aufdringlichsten und mit eindeutigen Absichten, doch auch ihr Arbeitgeber der Priester und ein Psychologe sind sich einig, dass diese Frau ihre Hilfe braucht.

Mary driftet mal verloren und dann wieder gehetzt durch ihr Leben. Nur eines hat wirklich Bedeutung für sie: Der verlassene Pavillon am See, wo einst ein Jahrmarkt war, übt eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Hier kommt es schließlich zum wenig überraschenden Showdown.

Und hier der herrliche Retro-Trailer im Original – auf YouTube ist aktuell übrigens auch der komplette Film zu finden.

Wissenswertes über CARNIVAL OF SOULS

Dafür, dass ich TANZ DER TOTEN SEELEN so liebe, habe ich nur eine recht schäbige DVD-Edition Zuhause. Darauf ist immerhin ein Making-of (aus den 1980ern) mit interessanten Zusatz-Infos. Regisseur Herk Harvey und Autor John Clifford arbeiteten zusammen in ihrer Produktionsfirma in Kansas vor allem an Werbefilmen. Auf der Fahrt vorbei an Salt Lake City, Utah, fiel Harvey das verlassene Jahrmarktsgelände auf – genug Inspiration für einen Independent-Film, für den ortsansässige Investoren immerhin 13.000 Dollar zusammenbrachten – gar nicht wenig Geld Anfang der 1960er.

Die erste Fassung des Films betrug 84 Minuten, doch für die Vermarktung als Teil eines Double-Features kürzte der Verleih TANZ DER TOTEN SEELEN auf 75 Minuten. Das ist auch die gängige Version, die im Handel heute noch erhältlich ist – obwohl Harvey in den 1980ern einen ergänzten „Director’s Cut“ erstellte. Laut seinen Angaben fehlen bei der kommerziellen Schnittfassung jedoch keine wichtigen Handlungsstränge sondern nur atmosphärische (Verfolgungs-)Szenen.

Beste Horrorfilme: Was macht TANZ DER TOTEN SEELEN aus?

TANZ DER TOTEN SEELEN gehört auf die Liste der besten Horrorfilme, weil er so unverwechselbar und einzigartig ist und eine wirklich ungemütliche Stimmung erzeugt. Ganz ehrlich: Ich freue mich fast für Mary Henry, wenn sie zum Schluss endlich an dem Ort ankommt, an den sie gehört und sie nicht mehr der gejagte Hase ist.

An allen Ecken und Enden sickern die Anzeichen für eine kurze Produktionszeit, eine gewisse Naivität der Zeit und begrenzte finanzielle Mittel durch. Keiner der beteiligten gibt eine Oscar-reife Schauspielleistung ab. Doch das macht gerade den (Retro-)Charme der Inszenierung aus, die sich deutlich von kommerziellen B-Movie-Produktionen unterscheidet. Kein Wunder, dass CARNIVAL OF SOULS in den 1980ern ein Revival in den Arthouse-Kinos vergönnt war.

Ganz besonders hat es mir die schräge Orgelmusik angetan, die heute nur noch als Klischee eingesetzt werden kann. Auch die Bildgestaltung mit Licht und Schatten funktioniert bei Schwarz-Weiß hervorragend und hat oft noch einen Film Noir-Nachhall.

Als Idee gefallen mir die Szenen, in denen Mary Henry nicht mehr von ihrer Umwelt wahr genommen wird. Wie ein Geist wandelt sie durch das Shopping Paradies und den Busbahnhof, unfähig, auf sich aufmerksam zu machen. Dass Bild ist stark, denn auch wer im übertragenen Sinn nicht gesehen wird, erfährt einen sozialen Tod – ein großer Schreck nicht nur für Netzwerker und Social-Media-Fans heute. Auch das Thema der weiblichen Hysterie schwingt mit und manchmal wirkt Mary wie eine Frau, die unter dem Erwartungsdruck des Patriarchats und starren Frauenrolle in den 1960ern zermahlen wird.

CARNIVAL OF SOULS‘ Legacy

TANZ DER TOTEN SEELEN ist nicht nur für mich ein Horror-Kultklassiker. Viele zeitgenössische Filmemacher sprechen vom Einfluss des Films auf ihre Werke. So zum Beispiel Bruce La Bruce, der seine Inspiration für einen der ersten schwulen Zombie-Horrorfilme darin fand: OTTO – OR: UP WITH DEAD PEOPLE (2008). Auch im aktuellen Episoden-Horror SOUTHBOUND von 2015  läuft CARNIVAL OF SOULS in einer Szene im Fernsehen und reicht damit den Schlüssel zur Interpretation der Vorgänge.

Ein Geist/Toter, der sich noch als Lebender fühlt, ist auch bei weiteren Filmen der große, finale Clou der Story: zum Beispiel THE SIXTH SENSE (1999) oder THE OTHERS (2001). In Sachen Ausweglosigkeit und dem unvermeidlichen Ende der Heldin ist DRAG ME TO HELL (2009) ein schöner Vergleich.

Der deutsche Regisseur Christian Petzold hat Mary Henry in YELLA (2007) umbenannt. Da ich seine Filme schätze, kann ich auch mit seiner Übersetzung des Grusel-Themas in die deutsche Mittelschichts-Arbeitswelt viel anfangen. Für Petzold ist die Rahmenhandlung eher ein „Was wäre wenn“ als die Flucht vor dem Tod. In der Haupthandlung nimmt er das Motiv der gehetzten Heldin auf, deren Rolle durch die Männerwelt beengt wird, aus der sie sich jedoch nicht zu lösen vermag.

P.S. Trotz Beteiligung von Wes Craven habe ich das miese Remake von 1998 ohne schlechtes Gewissen übergangen.

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