Allgemein, Bücher
Kommentare 2

Deutsche Independent-Geister-Lektüre: S3 von Oliver Susami

Der deutsche Autor Oliver Susami hat es geschafft: Auch ohne großen Verlag im Rücken, finden seine Bücher ihre Leser. Mich erreichte die Empfehlung für „S3 – Spuk in der Bibliothek: Eine Annäherung an das Unheimliche“ (2012) über Freunde. Eine deutsche Geistergeschichte im Studenten-Milieu, die tatsächlich wahr sein könnte – das klingt doch ziemlich spannend. Und bei vielen Lesern trifft dieser Stoff tatsächlich den Angst-Nerv. Hier meine Rezension zu „S3“.

Worum es in „S3 – Spuk in der Bibliothek“?

„S3“ ist ein Teil der Freiburger Uni-Bibliothek, in dem es laut Susamis Recherchen spuken soll. Das Buch selbst besteht hauptsächlich aus Interviews, die er während seiner Zeit als Doktorand zusammengetragen hat. Darin schildern Kommilitonen, Angestellte und ein Flaschensammler ihre schaurigen Erlebnisse. Dazwischen berichtet der Autor, wie er sich auf die Suche nach weiteren Augenzeugen macht, warum ihn ein Erlebnis in seiner Kindheit für das Thema sensibilisiert hat und wie es ihm selbst ergeht, wenn er sich in besagtem Bibliotheks-Teil aufhält.

Kleines Fazit zwischendrin: Du könntest dieses Buch also mögen, wenn Du studiert und Dich 1999 beim „Blair Witch Project“ gefürchtet hast. Ob ich es mochte? Das verrate ich Dir gleich.

„S3“ – kleine Idee ganz groß?

Ja, ich mag viel an „S3“. Mir gefällt die Einstellung des Autors: Er entfaltet kein großes Horror-Panorama und inszeniert keine dramatische Figurenkonstellation. Der Grusel geht von dem klar skizzierten Raum aus, der den studierten Lesern zu gut bekannt ist. Welcher Student hat nicht Stunden in Bibliotheken verbracht und kennt nicht das Gefühl von Matsch-Birne und zersetzten Nerven vor der nächsten Prüfung oder Abgabe der Hausarbeit? Dann auch noch spät abends, fast allein nur mit den Büchern… Dass man in solchen Momenten empfänglich ist für seltsame Erlebnisse, scheint gar nicht so abwegig.

Grusel-Faktor Nummer 2 speist sich natürlich aus der behaupteten Authentizität der Geschehnisse – die übrigens nicht blutrünstig oder abgedreht sind. Vielleicht funktioniert „S3“ genau deshalb: Was die Interviewten berichten, ist ungewöhnlich – aber doch irgendwie vorstellbar. Jeder hat schon mal so eine ähnliche Geschichte oder Urban Legend gehört. Das Faszinierende ist nicht, dass wir dafür viele Fakten oder Belege brauchen, allein das „Hören-Sagen“ verursacht schon ein gewisses Prickeln.

Lesen lässt sich das Buch auf jeden Fall gut und vor allem schnell.

Die Blair Witch in Buchform

Das Fake-Doku-Format ist im Horrorfilm nicht tot zu kriegen (von NACKT UND ZERFLEISCHT, 1980, bis zum Erfolg der PARANORMAL-ACTIVITY-Serie ab 2007). Das Grauen erschließt sich den Dokumentierenden langsam, das Objekt des Interesses wird zur ungeahnten Bedrohung.

Wie man Horror mit Authentizitätsanspruch in Buchform verpackt, hat Bram Stoker mit „Dracula“ (1897) schon zur Perfektion gebracht. Eigentlich ist es überraschend, dass sich nicht noch viel mehr Bücher dieses Konzept zu nutze machen. Denn der Wechsel von Interviews, Zeitungsberichten etc. und Tagebuch-mäßigen Einträgen des Autors funktioniert an sich gut. Es lassen sich viele subjektive Sichtweisen auf den Leser übertragen, denen er nur schwer entgehen kann – vor allem, wenn alle Beteiligten eben „ganz normale Menschen“ sind. Handelt der Ich-Erzähler auch noch aus persönlichem Interesse und verstrickt sich emotional in die Story, umso besser… sollte man meinen…

Mimis Mecker-Ecke

Independent hin oder her – um meine Rechtschreibprüfung zu bestehen, hätte das Buch etwa 150 Kommata und eine Korrekturschleife mehr benötigt. Oliver Susami schreibt zwar, dass er die Tonband-Aufnahmen der Interviews mehr oder weniger originalgetreu abgetippt hat und Satzbau eher außen vor lässt, aber auch in seinen Tagebuch-Einträgen finden sich noch zu viele Fehler. Das macht das Ganze für mich nicht authentischer.

Doch neben dieser kleinen Nörgelei besteht für mich das größte Manko von „S3“ in den Interviews selbst. Acht Personen befragt der Ich-Erzähler, acht mal berichten die Interviewten über ganz unterschiedliche Erlebnisse. Sie klingen im Lesefluss jedoch alle gleich. Selbst zwischen der zugeknöpften Bibliotheksleiterin und dem kauzigen Flaschensammler/Ex-Dachdecker gibt es zu wenig sprachliche Unterschiede. Leider hat Susami eine große Chance vertan und die Gespräche zu hölzern und blutleer umgesetzt. Im gesprochenen Wort erfährt man nichts über die Figuren, nur durch die kargen Charakterisierungen des Autors.

Da die Interviews einen Großteil des Buches ausmachen, hat zumindest mich dieser Aspekt immer wieder aus der gruseligen Grundstimmung rausgeworfen. Einige Rezensenten wollen sich nicht festlegen, ob es sich bei dem Buch um Fiktion oder Wahrheit handelt – und Susami befeuert dieses Verwirrspiel mit seinen Angaben noch. Ich bin mir wegen der Interviews jedoch sicher. Denn so sprechen Menschen nicht – schon gar nicht, wenn es um emotional bewegende Momente geht.

Und auch der Interviewer stellt sich nicht gerade sehr geschickt an, unterbricht an entscheidenden Stellen und fragt oft in der gleichen Abfolge anstatt im Gespräch zu bleiben. Auch das erscheint mir als sehr konstruiert. Außerdem bleibt die Frage, warum sich der Doktorand nur an Augenzeugen hält und nicht einmal eine historische Recherche anstellt.

Horrorshow-Fazit

Trotzdem ist „S3 – Spuk in der Bibliothek: Eine Annäherung an das Unheimliche“ eine Pageturner, der viele schöne Ideen aufgreift und an einigen Stellen bei mir durchaus Grusel erzeugen konnte. Dass die Einfälle nicht ganz konsequent umgesetzt werden und nicht zu einem befriedigenden Ende führen, ist schade. Aber der fleißige Autor Oliver Susami hat seit diesem Buch noch einige Folgewerke mit schaurigen Themen verfasst und die will ich auf jeden Fall noch lesen, vielleicht wird es ja noch konsequent-gruseliger.

Danke an Mona und ihr Blog Mona liest für diesen Buch-Tipp!

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Mimi,

    vielen Dank für die fantastische Rezension, die ich genauso unterschreiben kann!
    Da bin ich mal gespannt, wie dir „4ter Stock Herbsthaus“ gefällt. Ich selbst habe noch das ein oder andere ungelesene Werk von Oliver Susami in meinem Bücherregal und habe dank deiner Rezension gerade wieder Lust bekommen, ein weiteres Susami-Buch zu lesen.

    Liebe Grüße
    Mona

  2. Update: Susamis Folgewerk „Vierter Stock Herbsthaus“ hat mich noch viel mehr gepackt – stringentere Story, ausgearbeitete Charaktere und eine wohlig-gruselige Atmo! Auch hier erklärt der Autor, dass es sich um eine wahre Geschichte handle, die von einer jungen Frau an ihn herangetragen wurde. Bei der Nacherzählung gesteht er eine gewisse künstlerische Überarbeitung ein – sehr lesenswert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.