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Städel-Ausstellung: Weibliche Horror-Gestalten im „Geschlechterkampf“

Salome, Judith, Medusa, Sphinx, Amazonen, Vampirinnen und Spinnenfrauen – in der Städel-Ausstellung „Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ sind weibliche Schreckensgestalten von Rang und Namen vereint. Noch bis zum 19. März 2017 kannst dir in Frankfurt am Main ansehen, wie die meist männlichen Künstler ihre Angst vor gefährlichen Frauen für die Nachwelt in Szene setzten. Die furchteinflößenden Männer sind in dieser Auswahl von rund 150 Werken deutlich in der Minderzahl. Aber das ist nicht die einzige Erkenntnis des Ausstellungsbesuchs – ich erzähl dir gern mehr darüber.

Ausstellung „Geschlechterkampf“ – ein Fest für Horrorfans

Wer Horror mag, setzt sich „ganz nebenbei“ mit den großen Themen der Geschichte, Philosophie, Kunst und Wissenschaft auseinander. Das beweist mir einmal mehr der Gang durch die aktuelle Städel-Sonderausstellung „Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“. Die Schau soll „veranschaulichen, wie kontrovers die Künstlerinnen und Künstler auf die Konstruktion von Geschlechtermodellen reagierten und wie sie Stereotypen, Idealbilder und Identifikationsfiguren in Malerei, Skulptur, Grafik, Fotografie und Film verarbeiteten.“

Heute wirkt davon eigentlich wenig kontrovers, weil alt bekannt. Dass die Künstler von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs durch die zunehmende Emanzipation der Frau verunsichert wurden, kann nicht der einzige Grund für ihre Themenwahl sein. Denn die Figuren, die sie wählen, von der sündebringenden Eva über die Sphinx und Salome, sind weibliche Grusel-Gestalten mit langer Historie. Der Geschlechterkampf tobt doch schon seit Beginn des Patriarchats.

Horror-Frauen: zwischen Grusel und Sex-Appeal

Gestatten: Femme Fatale, ich verbreite Lust und Schrecken. Kein Wunder, dass das Städel-Team für das Ausstellungsmarketing auf das Bild „Sie“ (1905) von Gustav Adolf Mossa setzt. Darin sind viel Schlüsselelemente vereint: Die überdimensonierte, nackte Schönheit sitzt auf einem Haufen kleiner, geschlachteter Männer. Blutige Handabdrücke bedecken ihr Bein, Mordwaffen zieren ihre Kette, als Haarschmuck trägt sie Krähen und Totenschädel. Doch das Markanteste sind ihre großen Brüste, über denen ein Puppengesicht mit Schlafzimmer blick thront. Ihre Vagina wird verdeckt durch eine Katze (ach bitte!).

Auch andere mordende Frauen bewegen sich im künstlerischen Spannungsfeld zwischen Erotik und Gefahr. Gleich mehrmals ist Salome, die Mörderin von Johannes, zu sehen – ebenso Judith, die Holofernes besiegt, Delila, die Simson entmachtet, oder Medusa mit ihrem Todesblick. Auch todbringende Vampirinnen, Amazonen, Nixen und Hexen fehlen nicht in dem weiblichen Schreckensreigen. Nicht alle Femme Fatals in der Kunst sind mythologischen, religiösen oder folkloristischen Ursprungs. Wie die Ausstellung zeigt, werden die Themen im „Geschlechterkampf“ immer realer – von Prostituierten, emanzipierten „Amazonen“ bis zu ganz „normalen“ Porträts von Mörderinnen.

Und wo sind die mordenden Männer?

Männliche Gewalttäter sind meist weniger sexy, in dieser Ausstellung auch sparsam gesäht (dafür sind dann die Horrorfilme da!). Otto Dix malte Lustmörder, George Grosz „John den Fraurenmörder“, Karl Hubbuch einen flüchtenden Vergewaltiger. Männliche Schreckensfiguren sind oft Monster – wie Gorilla, der eine schöne Frau raubt (in der Ausstellung als Skulptur von Emmanuel Frémiet und Filmausschnitt aus KING KONG UND DIE WEISSE FRAU, 1933). Als Opfer oder Helden kommen Männer aussehenstechnisch deutlich besser weg.

Horrorshow-Fazit

Zugegeben: Das ist ein spezieller Blickwinkel unter dem ich die Ausstellung interpretiert habe. Wenn du da warst, hinterlass gern ein Kommentar, wie es dir gefallen hat! Insgesamt kann ich den Besuch auf jeden Fall empfehlen (nicht nur für Horror-Fans), denn es gibt einige grandioser, bekannter Werke und dazwischen auch einige weniger Stücke zu entdecken. Wer eine Gender-Arbeit über Horrorfilme schreibt, sollte hier seinen Ausgangspunkt ansetzen – ein Vergleich der Darstellungen mit Horrorfilmen nach 1945 ist garantiert mehr als 1.000 Seiten füllend.

Extra: Anekdote am Rande

Ein moderner Geschlechterkampf hat mich durch die letzten vier Ausstellungsräume begleitet: Eine ältere Frau bat ihren Mann inständig, schneller zu gehen, weil sie unbedingt aufs Klo müsse. Zuerst hat sie mir leid getan und ich hab mich über ihn geärgert. Warum ist der so herzlos und geht mit seiner Frau nicht schnell mal raus. Aber im letzten Raum habe ich mich nur noch über sie geärgert: Warum kann die nicht allein zur Toilette gehen? Die Realität sagt immer noch am meisten über das Verhältnis von Männern und Frauen aus. Wir müssen nur richtig hinschauen.

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