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Winter-Grusel-Land: Rezension von Peter Straubs Geisterstunde

Bis letztes Jahr war ich komplett ahnungslos: Obwohl sich Leser seit 1979 bei Peter Straubs Roman „Ghost Story“ gruseln – und bereits 1981 die gleichnamige Verfilmung (deutscher Titel: ZURÜCK BLEIBT DIE ANGST) mit Altstar Fred Astaire folgte, war mir dieses Werk bis dahin völlig unbekannt. Wie ist’s bei Dir – schon gelesen oder gesehen? Falls nicht, nenne ich dir im Folgenden viele Gründe, warum die Geschichte definitiv Platz 1 auf meiner Winter-Horror-Buch-Liste einnimmt und Du Dir „Geisterstunde“ (so der deutsche Titel) nicht entgehen lassen darfst.

Erzähl‘ mir was zum Gruseln

Draußen heult der kalte Wind, drinnen brennt ein Feuer und von innen wärmt Dich außerdem ein Glas Hochprozentiges – Du sitzt zusammen mit Deinen besten Freunden und Ihr erzählt Euch düstere Geschichten. Kann es etwas Schöneres geben? Wenn Deine Freunde mal keine Zeit haben, gesell Dich zu den Charakteren aus Peter Straubs „Geisterstunde“. Die sind zwar schon in die Jahre gekommen und leicht exzentrisch, jedoch eine mehr als unterhaltsame Runde für eine mehr als außergewöhnliche Geistergeschichte. Die spielt zum einen in einem waschechten Winter im amerikanischen Städtchen Milburn (mit viel Schnee und bitterer Kälte) und zum anderen in der Vergangenheit – denn von dort kommt das grausame Geheimnis der alten Männer, dem sie sich stellen müssen.

Es ist schwer, nicht zu viel zu verraten, aber soviel ist wahrscheinlich eh schon klar: Ohne eine mysteriöse und bedrohliche Schönheit kommt die Story natürlich nicht aus. Nicht unbedingt originell, dass die Männer mal wieder gegen die bedrohliche Kraft der Weiblichkeit ankämpfen – aber die Umsetzung macht diesen Faktor auf jeden Fall wett.

Ghost Story – ein Horror-Roman über das Erzählen

Was „Geisterstunde“ für mich so außergewöhnlich macht, ist der komplexe Aufbau. Es gibt nicht nur die vier Freunde und die unheilvolle Frau. Auch der Neffe von einem Geschichten-Erzähler ist eine zentrale Figur sowie die Stadt selbst und die vielen, vielen Nebenfiguren, die alle sehr lebendig geschildert werden. Dazu kommen die Zeitsprünge: Das Buch beginnt quasi am Ende, um dann erst den Hauptteil in Milburn aufzurollen. Doch immer wieder gibt es lange Erzähl-Passagen der Männer, die endlich über ihre Vergangenheit sprechen müssen, um im Hier und Jetzt zu überleben.

Die verschiedenen Blickwinkel bereichern den Leser um immer neue Facetten. Die Fülle an Figuren, Schicksalen und Details haucht dem Buch sein Leben ein und macht den Horror-Faktor umso eindringlicher – schließlich bringen gerade die subjektiven Sichtweisen uns den Personen so nah und lassen uns mit ihnen zittern.

Dabei weiß Peter Straub (im Gegensatz zu vielen Werken von Stephen King), wann genug ist: Er erdrückt nicht mit zu viel Hintergrundgeschichten und hält den Spannungsbogen stets straff. Als Leser wartet man nicht nur auf die Enthüllung des großen, dunklen Geheimnisses der Freunde, bis dahin gibt es so viel Abwechslung und andere Grausamkeiten, dass es auf keiner Buchseite langweilig wird.

Warm anziehen für Peter Straubs „Geisterstunde“

Natürlich kannst Du „Ghost Story“ auch im Sommer lesen, aber ich empfehle Dir eine eher kalte Jahreszeit. Der Hauptteil der Geschichte spielt im Schnee. Das Wetter ist der Unheilsbote, der sich über Milburn legt und schließlich zur Bedrohung für alle Bewohner wird. In diesem Sinn nimmt der Winter ebenfalls eine Hauptrolle ein und das setzt der Autor so effektiv um, wie ich es selten gelesen habe. Straub nimmt damit außerdem sehr geschickt den Ursprung des Bösen auf, das ein ebenso unfassbares wie auch ganz natürliches Wesen ist. Das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber dieser Naturgewalt, die Abhängigkeit von Wettergegebenheiten, werden uns zu kaum einer anderen Zeit so bewusst wie im Winter.

Wenn Dich unser lascher Winter also enttäuscht, besuche mal Peter Straubs Kühlhaus, danach wird Dir der Sinn vielleicht wieder nach einem Sommerurlaub stehen.

„Ghost Story“: Don’t see it – read it!

Wie so oft habe ich mir die Verfilmung ziemlich direkt angesehen, nachdem ich das Buch fertig hatte. Obwohl Peter Straub auch am Drehbuch beteiligt war, blieb meiner Meinung nach nicht mal der Hauptstrang der Geschichte übrig. Doch das lässt sich sicher diskutieren, denn „Ghost Story“ ist als Roman einfach extrem vielschichtig. Nicht nur Details sondern für mich sehr wichtige Elemente und Figuren fanden keinen Platz im Film.

Die Begeisterung fürs Buch macht mich also zu einem sehr harten Zuschauer. Mit etwas Abstand noch mal gesehen, macht GHOST STORY – der Film schon einen besseren Eindruck. Sehr solide, mit guten Schauspielern und Effekten und vor allem – dem tollen Winter-Setting. Aber das Buch lege ich Dir in jedem Fall mehr ans Herz.

Horror-Fazit:

„Geisterstunde“ von Peter Straub gibt es in der deutschen Übersetzung nur noch gebraucht, aber ich würde Dir ohnehin das Original „Ghost Story“ empfehlen. Der Autor ist so ein wunderbarer Geschichten-Erzähler, der so lebendige Figuren erschafft, die wiederum so viel Spannendes zu erzählen haben – das funktioniert einfach in ihren eigenen Worten am besten, ohne dass etwas in der Übersetzung verloren geht.

Und der Winter ist genau die richtige Zeit, um dieses geniale Horror-Werk neu- oder wiederzuentdecken! Deshalb auch mein vorgezogener Weihnachtswunsch für 2018: Liebe Filmindustrie, da es 2017 so viele Fortsetzungen/Neuverfilmungen von großen Horror-Krachern gibt (von CHUCKY bis ES), warum nicht auch ein Remake von GHOST STORY? Mit Blick auf HARRY POTTER oder HERR DER RINGE aber bitte als dreiteilige Serie oder sogar Mini-Series à la STRANGER THINGS!

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