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Angst vorm Altwerden: Filmkritik zu The Taking of Deborah Logan

„Nicht schon wieder ein Found-Footage-Film!“ Kannst Du sie auch nicht mehr sehen? Dann bist Du hier falsch, denn ich kann gar nicht genug von den „Wackelkamera-Filmen“ bekommen. Ich nehme liebend gern bei den Dreharbeiten von den meist jungen Filmcrews teil, so auch beim ambitionierten Projekt, das der Ausgangspunkt von THE TAKING OF DEBORAH LOGAN (2014) ist: Für ihre Doktorarbeit begleitet Mia eine ältere Frau, die an Alzheimer leidet. Als wäre die Krankheit nicht furchteinflößend genug, stellen die Beteiligten fest, dass hinter dem rapiden Verfall der Frau noch etwas anderes, sehr Böses stecken muss.

THE TAKING: Silversurfer und Bodyhorror

Zugegeben, die Storyline der Besessenheit reißt wohl kaum einen Horror-Fan vom Hocker. Schlangenkult und Kinderopfer sind eine durchschnittlich interessante Hintergrundgeschichte, die noch dazu recht stiefmütterlich behandelt wird. Die Filmemacher haben sich wohl darauf verlassen, dass die vordergründigen Angst-Elemente genug zünden. Und das stimmt tatsächlich: Wie oft hast Du schon gehört, dass Menschen behaupten, sie hätten mehr Angst vorm Älter- und Krankwerden als vorm Tod an sich? Und Deborah Logan muss gleich mit beidem klar kommen.

Im Trailer kannst Du Dir selbst ein Bild machen:

Allein eine alte Frau mit Alzheimer zu sehen, ist für viele Zuschauer schon eine Zumutung. Denn gegen das Älterwerden können wir nichts tun und Alzheimer gilt als eine der grausamsten Erkrankungen. Es geht los mit Gedächtnisverlust und Wahrnehmungsstörungen und endet mit der Unfähigkeit, den Alltag allein zu bewältigen. Das Äußere verfällt. Angehörige werden nicht mehr erkannt, die Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt und generell sind die Kranken im Endstadium teilnahmslos und gleichgültig. Für das Umfeld muss es sich so anfühlen, als würden sie den Erkrankten Stück für Stück verlieren – auch das ist ein Schreckensbild für viele Zuschauer.

Mutige Frauen in THE TAKING OF DEBORAH LOGAN

Schauspielerin Jill Larson ist für mich die Stärke dieses Horrorfilms. Sie spielt Deborah Logan mit sehr viel Mut und einer beeindruckenden Wandlungsfähigkeit. Am Anfang erkennt man in ihr die schöne, stolze, starke und kreative Frau, die sich nicht dem Schicksal der Erkrankten ergeben will. Nur ihrer Tochter zuliebe macht sie überhaupt bei dem Filmprojekt mit.

Der scheinbar krankheitsbedingte Verfall ist hart für das Umfeld. Tochter und Filmteam wissen nicht so recht, wie sie mit der verstörten Frau umgehen sollen, die sowohl zerbrechlich als auch unberechenbar und aggressiv ist. Jill Larsons Körper scheint zwar in sich zusammenzufallen, bleibt jedoch umso präsenter. Selbst nackt und geschunden flößt ihr abgemagerter Körper noch Angst ein – und natürlich erst recht, als der Geist ganz offensichtlich die Kontrolle übernommen hat.

Doch auch Tochter Sarah beziehungsweise Schauspielerin Anne Ramsay sticht für mich in ihrer Rolle heraus. Sie verkörpert weder die Klischee-Lesbe, noch ein langweiliges Abziehbild der überforderten Pflegenden. Sie ist mit dem Herz bei der Sache und wächst im Verlauf der Geschichte über sich hinaus. Ihre sexuelle Orientierung ist dabei eine Charakterisierung aber nicht Thema an sich – eine Einstellung, die es in Filmen generell immer noch viel zu selten gibt.

Warum schon wieder Found-Footage?

Weil es in THE TAKING OF DEBORAH LOGAN wirklich Sinn macht! Zugegeben bei so viel Frauenpower kommen Mia und ihre zwei Gefährten kaum zum Zug. Das Filmteam dokumentiert allerdings nicht nur die Geschehnisse, es hat für die Abläufe eine essentielle Bedeutung. Deshalb argumentiere ich: Ohne Found-Footage-Rahmen würde diese Story so nicht funktionieren.

Sarah lässt sich angeblich auf die Dreharbeiten ein, da sie Geld brauchen, um das Haus der Mutter zu halten – doch es ist auch spürbar, dass sie froh über die Gesellschaft ist. Die Bürde der Pflege wird deutlich, obwohl Sarah das Ganze sehr gut meistert. Vor allem als die Vorkommnisse immer unheimlicher werden, hat sie mit der Crew Verbündete um sich, die ihr dabei helfen, stark zu bleiben. Auf der anderen Seite wirkt das Filmteam wie ein Katalysator für den unheilvollen Verlauf.

Die fest installierten Kameras bilden Ereignisse ab, bei denen keiner der „gesunden“ Akteure zu sehen ist. Wie bei PARANORMAL ACTIVITY können diese Momente besonders verstörend sein. Einziges Manko der Found-Footage-Perspektive: Die scheinbare Dokumentation bringt uns nicht näher an Deborah. Ihre Besessenheit wird aus der Distanz gezeigt – eine subjektivere Kamera, die aus ihrer Perspektive berichtet, hätte die Geschichte jedoch fast unerträglich gemacht. Wer will schon für 90 Minuten in den Schuhen einer Alzheimer Erkrankten und von einem mordenden Geist Besessenen stecken?

Horror-Fazit:

Es gibt genug Gründe, um THE TAKING OF DEBORAH LOGAN zu sehen – aber auch einige, um ihn nicht in den Himmel zu loben. Mal wieder hat mich das Standard-Horrorfilm-Ende enttäuscht und wie gesagt, auch die Filmcrew hätte für mehr Ausgewogenheit ein bisschen stärkere Charaktere gebrauchen können. Doch das schwere Krankheits-/Älterwerden-Thema wurde hier nicht nur als billige Schablone genutzt, sondern als Schrecken verbreitendes Erzählmoment. Das sowie das starke Mutter-Tochter-Gespann gibt dem Film für mich sehr viel Originalität. Was meinst Du?

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