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Geistergottesdienst in Vianden, Luxemburg und Deutschland

„Der Tag ist für dich, die Nacht ist für mich“, sagt der Geist und versetzt damit den ungebetenen Gast in Angst und Schrecken. Das ist der Kern der Sage um den Geistergottesdienst, der sich unter anderem in der Neikiirch Sankt Rochus in Vianden, Luxemburg, abgespielt haben soll. Was dahinter steckt, erzähle ich Dir hier.

Spuk in der Neikiirch, Vianden

Nikolaus Gredt hat die Spuk-Geschichte in seiner Sammlung „Sagenschatz des Luxemburger Landes“ aufgenommen: Eine alte, fromme Schullehrerin aus Vianden wollte ihren Bruder besuchen, jedoch zuvor noch zur Frühmesse in die Neikiirch gehen. Als sie aufwachte, schien der Mond hell und es fiel ihr gar nicht auf, dass es noch mitten in der Nacht war. Sogar die Tür der Kirche war geöffnet, also trat sie ein und nahm Platz. Nach einer kurzen Weile erschien ein langer, dünner Mann am Altar und zündete die Kerzen an. Sie ging zu ihm und frage: „Geht die Messe bald los?“ Da drehte er sich um und entgegnete unwillig: „Der Tag ist für dich, die Nacht ist für mich.“ Sie lief erschrocken davon und hörte die Glocken zwölfmal schlagen, bis sie zuhause war.

Der Friedhof von Vianden, Luxemburg

Die Spuk-Sage passt durchaus zur Kulisse des Friedhofs, der sich ein Stückchen außerhalb der Stadt Vianden befindet – und das aus gutem Grund: Die Anlage und die Neikiirch Sankt Rochus wurden 1633 für die Pestopfer errichtet. 1770 baute der Tiroler Baumeister Johannes Heil die Kirche um, im Inneren ist noch heute Barockmobiliar zu sehen. Nur leider konnten wir nicht reinkommen, da das Gebäude verschlossen war. Durch die Fenster sieht man einen kleinen, urigen Raum, in dem man sich einen langen, düsteren Geist gut vorstellen kann, der am Altar beschäftigt ist.

Der Friedhof selbst liegt am Fluss Our. Links und rechts wachsen die Berge in den Himmel, was etwas erdrückend wirken kann, andererseits dem Ort auch etwas sehr Besonderes gibt. Über der Stadt Vianden selbst thront eine majestätische Burganlage und im Ort gibt es das Victor-Hugo-Haus. Der Autor von „Der Glöckner von Notre Dame“ (1831) suchte dort wegen seiner liberalen Ansichten politisches Exil. Also genug Gründe, um sich dort einmal umzusehen.

Die wandernde Geister-Sage

Aber zurück zur Sage. Die Geschichte des Geistergottesdiensts gehört zu einer der weit verbreiteten „Wandersagen“ – einer Sage, die so unspezifisch ist, dass sie auf viele Orte und Gegenden zutreffen kann und daher auch häufig auftaucht. Sozusagen eine Art Urban Legend, die in unterschiedlichen Formen und Fassungen immer wieder erzählt wird. Aus der Sage um den Geistergottesdienst entwickelte sich später der Totengottesdienst, bei dem die Toten eine Messe für kürzlich Verstorbene abhalten.

Geistergottesdienste in Deutschland

Auch in der Kieler Nikolaikirche soll sich ähnliches zugetragen haben. Der ungebetene, menschliche Gast war in der Kirche jedoch nicht allein: Sie sah viele Gottesdienstbesucher, die ihr jedoch alle fremd waren – genauso wie die Lieder und Musikstücke, die gespielt wurden. Schließlich forderte sie ihre verstorbene Patentante dazu auf, schnell zu verschwinden und sich dabei nicht umzusehen. Auf der Flucht blieb ihr Umhang in der Tür hängen, also musste sie ihn dort lassen. Am nächsten Tag war er in Stücke gerissen. So erzählt es zumindest „Der Schwarze Führer – Deutschland“. Ganz ähnlich klingt zum Beispiel die Geschichte von der St. Nikolai-Kirche in Röbel, Kirchen in Hagenow und Wustrow sowie aus Niederbayern. Manchmal sind es auch Nachtwächter, die geisterhafte Mönchsgestalten bei der Messe beobachten. Mal sind die Geister dämonenhaft und Angst einflößend, dann wieder eher fromm.

Die Vorstellung, dass Tote sogar Gutes tun und für die Seelen von kürzlich Verstorbenen beten konnten, war im 16. Jahrhundert nicht ungewöhnlich, wie es im Buch „Kulturelle Reformation“ (eine Veröffentlichung des Max-Planck-Instituts) heißt.

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